Skip Navigation
zahlen_mathe.jpg
23.07.2026

Was machen Aktuare?

Zahlen, die schützen

Wer einen Einkommensschutz abschließt, fragt sich wohl kaum, wie sich der Beitrag dafür zusammensetzt. Warum spielen Beruf oder Alter eine Rolle? Warum wird zwischen einer schweren Erkrankung und einer vorübergehenden Arbeitsunfähigkeit unterschieden?

Und wer eine Reiserücktrittversicherung bucht, denkt kaum darüber nach, wie der Anbieter einkalkuliert, dass ein Vulkanausbruch auf den Kanaren alle Flüge gleichzeitig streichen könnte.

Hinter diesen Fragen steckt ein Fachgebiet, das so präzise wie vielschichtig ist: die Versicherungsmathematik — und die Menschen, die sie beherrschen, nennt man Aktuare.

Was ist eine Aktuarin oder ein Aktuar?

Ein Aktuar oder eine Aktuarin ist ein Experte oder eine Expertin mit tiefem Verständnis für Statistik, Wahrscheinlichkeitsrechnung, Finanztheorie und rechtliche Rahmenbedingungen. In Deutschland wird der Berufstitel durch die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) anerkannt; die Ausbildung umfasst ein Studium der (Wirtschafts-) Mathematik oder Statistik und ein mehrstufiges Examensprogramm.

Versicherungsmathematik: das Fundament

Die Versicherungsmathematik beschäftigt sich mit der Bewertung und Tarifierung von Risiken. Ihr Grunde klingt es einfach: Eine Versicherung funktioniert, weil viele Versicherte gemeinsam wenige Schäden gemeinsam tragen. Doch wie viele Schäden treten in welcher Höhe auf?

Im Reiserücktrittsschutz zum Beispiel fragt das Aktuariat: Wie häufig stornieren Versicherte ihre Reisen, aus welchen Gründen, in welchen Reisezeiträumen — und wie entwickeln sich Ereignisse wie Unwetter oder Kriegsereignisse, die zahlreiche Stornierungen auslösen können?

Dafür nutzen Aktuare die Statistik, Schadensdatenbanken oder Überlebensmodelle – je nach Produkt. Das Ziel: Ein Tarif, der langfristig gültig sein kann - weder zu teuer für den Kunden noch defizitär für den Versicherer.

Tarife entwickeln, anpassen und beobachten

Der Kern der aktuariellen Arbeit ist die Kalkulation neuer und die Überprüfung bestehender Produkte. Neben dem erwarteten Schadenvolumen berücksichtigt der Aktuar auch Kosten, Sicherheitszuschläge und regulatorische Anforderungen.

Denn ein einmal kalkulierter Tarif ist kein Dauerläufer. Aktuare beobachten fortlaufend, ob die tatsächlichen Leistungen den Erwartungen entsprechen. Steigen beispielsweise die Diagnoseraten für bestimmte schwere Erkrankungen oder hat der Businesspartner durch eine Fusion plötzlich dreimal so viele Versicherte, muss der Tarif überprüft und gegebenenfalls angepasst werden.

Blick in die Zukunft

Für bereits eingetretene, aber noch nicht abgeschlossene Schadenfälle müssen Versicherungsunternehmen Rückstellungen bilden. Bei der Kalkulation einer   Einkommensversicherung, die z.B. nach einer Finanzierung abgeschlossen wird, bedeutet das: Wie lange wird eine Leistungspflicht bei einem Krankheitsfall des oder der Versicherten voraussichtlich andauern und welche Kreditsumme ist in diesem Zeitraum noch offen? Aktuare ermitteln anhand von Krankheitsverlaufsmodellen und statistischen Genesungsquoten, wie hoch diese Rückstellungen sein müssen.

Wenn eine neue Produktideen entsteht, z.B. ein modular aufgebauter Reiseschutz, der sich online individuell zusammenstellen lässt, sind Aktuare von Beginn an eingebunden. Sie prüfen die Machbarkeit, definieren versicherbare Risiken und entwickeln das mathematische Gerüst, auf dem das Produkt aufbaut.

Gesetzlicher Rahmen

Aktuare erstellen zentrale regulatorische Berichte, bewerten Risiken, Zahlungsfähigkeit auch unter Stressszenarien und wirken bei der Produktprüfung mit. Dabei tragen sie Verantwortung sowohl intern als auch gegenüber der Aufsicht und haben eine gesetzlich verankerte Schlüsselrolle.

Was Aktuare von reinen Mathematikern unterscheidet, ist ihr Einfluss auf strategische Entscheidungen. Ihre Berechnungen bestimmen, ob ein Produkt rentabel ist, ob ein Unternehmen ein neues Segment erschließen wird oder ob ein bestehendes Portfolio bereinigt werden muss. Sie arbeiten eng mit dem Risikomanagement, Vertrieb, Finance und IT zusammen — und übersetzen dabei komplexe Modelle in verständliche Handlungsempfehlungen.

Die Aufgaben des Aktuars, der Aktuarin sind weit mehr als zu rechnen. Aktuare verbinden mathematische Präzision mit wirtschaftlichem Denken, Regulierungswissen und strategisches Urteilsvermögen. Oder anders gesagt: 

Aktuare übersetzen Unsicherheit in Zahlen — und Zahlen in Preise.